Anreizstrukturen an der Hochschule gefährden die Freiheit von Bildung und Forschung / Ein Kommentar

Angeregt von einem Kommentar in der taz (Die Reformen der Hochschullandschaft – Das Prinzip der Konkurrenz) möchten wir an dieser Stelle etwas näher darauf eingehen, was effizienzorientierte Anreizstrukuren an der Hochschule für Bildung und Forschung bedeuten. Aus diesen im Zuge der Einführung der Bologna-Reformen weiter massiv vorangetriebenen Umstrukturierungen leiten sich auch viele Implikationen für den Charakter studentischer Mitbestimmung in den universitären Gremien ab.

Eine zentrale Rolle spielen hierbei die Strukturen in der Finanzierung der Fachbereiche durch die Hochschulen, im Folgenden am Beispiel der FU Berlin. Jeder Fachbereich erhält vereinfacht ein bestimmtes Budget, abhängig von seiner Größe. Darüber hinaus gibt es dann eine so genannte FU-interne Leistungsverrechnung. An dieser Stelle wird es interessant, denn das Präsidium gibt bestimmte Ziele vor, an denen sich diese „Leistungsverrechnung“ orientiert. Beliebte Ziele sind dabei zum Beispiel das Einwerben möglichst vieler Drittmittel oder eine hohe Anzahl von Absolventen in der Regelstudienzeit. Je nach Erfolg der Fachbereiche (gemessen an den entsprechenden Zielvorstellungen) wird dann vom Grundbudget entweder wieder ein Teil abgezogen oder es kommt Geld dazu. Gebräuchlich sind auch persönliche Zielvereinbarungen zwischen Präsidium und einzelnen Professoren, über die das Präsidium ebenfalls stark Einfluss nehmen kann. Ein ähnliches System wie bei der hochschulinternen Mittelvergabe an die Fachbereiche und Institute findet sich auch bei der Finanzierung der Hochschulen durch den Senat in Berlin wieder. Das Resultat sind Anreizsysteme, denen sich Universitäten und Fachbereiche in der Regel nicht widersetzen wollen bzw. können. Sie treten untereinander in Konkurrenz. Die ebenfalls zu großen Teilen von der Idee einer elitären, auf Effizienz und Renommée getrimmten Bildung besessenen Verantwortlichen an den Universitäten haben so gegenüber Kritikern gleichzeitig auch ein gutes Argument: Man sei nicht zuständig und handele lediglich entsprechend seiner Möglichkeiten und Aufgaben. Man müsse quasi mitspielen, um zu überleben. Auf diesem Wege wird das in letzter Konsequenz von der Politik zu verantwortende Prinzip von Ebene zu Ebene nach unten weitergereicht und gegen alle Widerstände auf autoritäre Art und Weise durchgesetzt. So lesen sich beispielsweise die Resolutionen des Studierendenparlaments der FU wie das komplette Gegenteil der durch Präsidium, Senat und Bundespolitik geschaffenen Realität und der Bildungsstreik spricht ebenfalls eine klare Sprache. Die Studierenden sprechen viele Probleme an, aber man ist nicht auf einen Dialog aus in der Hochschulpolitik.

Der einzelne Student, also der bildungsinteressierte Bürger, ist das letzte Glied in dieser Kette. So wie der Ausgangspunkt des Prinzips Zahlen waren, ist auch er letztlich nur noch eine Zahl. Auch er muss schließlich mitspielen um als Student im eigentlichen Sinne zu überleben. Alles muss effizient organiert sein – der eigentliche Sinn von Bildung gerät da schnell in den Hintergrund. Realitätsfremd und bürokratisch werden Anmeldefristen und Anrechnungsmöglichkeiten designt. Bei der Auslegung von Regelungen wird kein Spaß verstanden – alles muss penibel genau ablaufen. Dabei wird die Umsetzung dieser Regelungswut durch die Zerstückelung und Modularisierung des ehemals komplexen, noch vom Humboldtschen Bildungsideal geprägten Diplomstudiums auf die Spitze getrieben. Es wird hiermit erst möglich jeden Teil des Bildungssystems jederzeit auf Effizienz zu trimmen, frei nach dem Motto „Wer zu schlecht ist, braucht nach dem Bachelor auch nicht weiter gefördert werden; wer dem Druck nicht standhält, hat auch keinen weiteren Anspruch auf Bildung“. Es sind überhaupt in gefährlich vielen Bereichen unserer heutigen Gesellschaft nur noch Zahlen von Bedeutung, sei es in der Gesundheitspolitik, bei der Vergabe von Entwicklungshilfe, beim Führen von Kriegen oder eben im Bildungssystem. Überall wird mittlerweile wie ein knallharter Betriebswirt kalkuliert: Ist die Zahl positiv, dann lohnt es sich; ist sie negativ, dann lohnt es sich nicht. Selbst Rechtsbrüche durch illegale Ordnungen und Verfahrensweisen spielen im Maximierungskalkül von Unternehmen und Universitäten mittlerweile eine Rolle. Auf Basis dieser Zahlen werden weitreichende Entscheidungen getroffen. So maßt man sich in der Lehre im Rahmen unflexibler und festgefahrener Bachelor-Studiengänge an zu wissen, welche Lehrinhalte bedeutsam sind und welche nicht. In wirtschaftswissenschaftlichen Lehrveranstaltungen wird es oft gar nicht mehr für nötig gehalten zu betonen, dass die errechneten Zahlen auf teils unrealistischen Annahmen beruhen und auf Basis ökonomischer Modelle entstanden sind, welche allenfalls versuchen können die komplexe Welt mathematisch zu modellieren. Wahlmöglichkeiten oder gar Interdisziplinarität durch die Zusammenarbeit mit anderen Fachbereichen gibt es höchstens noch in der Forschung oder in Geschichten von früher. Ansonsten kocht jeder sein eigenes Süppchen. Von einem Politologen, welcher wirtschaftswissenschaftliche Veranstaltungen belegt und dort – so die Theorie – Ressourcen verbraucht, hat der Fachbereich Wirtschaftswissenschaft nichts. Ein fremder Absolvent bringt kein Geld! Es gibt demnach so gut wie keine Wahlmöglichkeiten und so gut wie keine Interdisziplinarität mehr in der Lehre, während die etwas flexibleren Master-Studiengänge mit durchschnittlich 20-30 Plätzen pro Studiengang nur einer kleinen Elite vorbehalten werden.

Ethische Überlegungen und Werte haben schon lange keine Hochkonjunktur mehr. Nur so kommen Leute wie Thilo Sarrazin, ehemaliger Finanzsenator in Berlin und mittlerweile gechasster Verantwortlicher bei der Bundesbank und SPD-Mitglied, auf die Idee, einen Speiseplan für HartzIV-Empfänger aufzustellen, aus dem hervorgeht, dass 4,25 Euro am Tag ausreichend sind, um sich zu ernähren. Nur so vergessen Menschen die Tragweite ihres Handelns und lassen von der Effizieenzidee getrieben die Preise von Großpackungen aus dem Discounter auf die einzelne Scheibe Wurst runterrechnen. Eine ungesunde Entwicklung, nicht nur für HartzIV-Empfänger. Die grundsätzliche Logik ist überall geprägt von der Idee, dass alles ausgenutzt wird, was es auszunutzen gibt (der homo oeconomicus lässt grüßen) – auch wenn damit Millionen rechtschaffender Bürger teils von ihren selbst gewählten Parteien regelmäßig diffamiert werden. Dabei wird dann auch noch mit unverhältnismäßiger Härte auf die sozial Schwachen in unserer Gesellschaft abgestellt, sei es der HartzIV-Empfänger, bei dem mindestens genau so viel Aufwand betrieben wird um Geld einzusparen wie bei der Verfolgung von Finanzsündern, oder sei es der Studierende, der auf BaföG angewiesen ist und dem dies verwehrt wird, da er nicht 100 sondern nur 98 % des Regelpensums erfüllt hat. Deckungsgleich sind diese Überlegungen mit großen Teilen der modernen Wirtschaftswissenschaft. Gerade den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten tut das Prinzip Effizienz, verkörpert durch die Strukturen der Hochschulfinanzierung, nicht gut. Alternative Inhalte wie die Theorien von Karl Marx, welche nicht den Mainstream darstellen und keinen „Absatzmarkt“ auf unserem heutigen Forschungs- und Arbeitsmärkten haben, sind mit der Zeit aus Lehre und Forschung verschwunden und werden spöttisch abgetan. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass Marx selbst diese Tatsache mit seinem Kapitel zum Warenfetisch erklärt.

Auch die Exzellenzinitiative kreiert dabei ein gefährliches Anreizsystem: Sie setzt Anreize für mehr und bessere Forschung auf Kosten der Lehre. Mit Forschung lässt sich derzeit viel Geld verdienen auf dem Bildungsmarkt. Aber auch hier gilt ganz allgemein: Nur die „richtige Forschung“ verkauft sich. Es wird sich daher weniger mit dem beschäftigt, was interessiert und einen Erkenntnisgewinn zu liefern verspricht, sondern mit dem, was sich verkauft – dabei verkaufen sich naturgemäß bestimmte Inhalte besser als andere. Wieder haben Inhalte wie Marx schlechte Karten. Wieder hat Marx Recht, wenn er von einem systematischen Problem in einer ganzen Wissenschaft spricht. Zynischerweise kann nicht einmal das durch die Exzellenzinitiative forcierte Qualitätsziel in der Forschung glaubhaft gerechtfertigt werden, zumal sich in der Forschung eine Tendenz dazu ergibt, dass alles so oft wie möglich verwertet und so billig wie möglich hergestellt wird. Dies konterkariert die durch die Exzellenzinitiative erhoffte Qualitätssteigerung. Qualität lebt prinzipiell nicht nur von einem höheren Budget, sondern auch von der Vielfalt und dem Diskurs. Wie es scheint, gerät dies immer mehr in Vergessenheit.

Es mag als abgedroschenes Beispiel erscheinen, aber können wir es moralisch rechtfertigen, Milliarden in politisch motivierte Kriege zu stecken, während wir dem einzelnen Bildungswilligen nur noch ein festgelegtes Höchstmaß an Bildung zukommen lassen, um hier wiederum ein paar Millionen Euro zu sparen? Wo steuert eine Gesellschaft mit dieser Devise auf lange Sicht hin? Zerstören wir damit nicht auf kurz oder lang die Errungenschaften unserer aufgeklärten Gesellschaft? So arrogant wie die Politik immer wieder alle Sorgen der direkt Betroffenen um unser freies Bildungssystem abtut, lässt sich die Antwort auf diese Frage fast erahnen.. Eine Gesellschaft muss sich immer die Frage stellen, was ihr gewisse Errungenschaften wert sind – auch jenseits von Nutzenfunktionen und Wahrscheinlichkeiten. Wenn sie das verlernt und sich zum Sklaven einer stumpfen Effizienz-Ideologie macht, dann ist es höchste Zeit die Frage aufzuwerfen, wo es hingehen soll – gerade im Bildungssystem.


1 Antwort auf “Anreizstrukturen an der Hochschule gefährden die Freiheit von Bildung und Forschung / Ein Kommentar”


  1. 1 DRINGEND: Umfrage bzw. Unterstützung der fsi wiwiss bezüglich bedrohter studentischer Räumlichkeiten am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft « fsi-wiwiss Pingback am 01. Juli 2010 um 20:21 Uhr
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